Zwischenfälle

Szenen von Daniil Charms, übersetzt von Peter Urban

 

plakat zwischenfaellePlakat: B. Ott

Begegnung

Da ging einmal ein Mensch ins Büro und traf unterwegs einen anderen Menschen, der soeben ein französisches Weißbrot gekauft hatte und sich auf dem Heimweg befand. Das ist eigentlich alles.

Daniil Charms

Besetzung

Regie:
Stephan Weiland
Choreographie:
Gary Joplin
Bühnenbild:
Bernhard Ott
Kostüme:
Sabine Steinort
Musik:
Amir Teymuri
Dramaturgie:
Sonja Karaža
Kostüme Ltg.:
Sabine Steinort
Es spielen:
Dagny Borsdorf, Renate Obermaier, Kirsten Trustaedt-Kümmel, Dietmar Kohn, Heinzl Spagl
Regieassistenz:
Julia Bachmann
Technische Ltg.:
Bernhard Ott
Bühnenbau:
Ltg.: Bernhard Ott, Hanna Rebstock, Aaron Andersen, Manfred Loritz
Licht:
Bernhard Ott, Hanna Rebstock
Bühnentechnik:
Bernhard Ott, Hanna Rebstock, Aaron Andersen
Kostümassistenz:
Gisi Kinsky
Musikaufnahme
Cello: Marlena Schillinger, Hugo Rannou/ Flöte: Haruka Kotatu/ Klavier: Amir Teymuri/ Aufnahmeleitung: Alexander Grebschenko
Dauer:
ca. 90 min
Rechte:
Verlag der Autoren, Frankfurt
Premiere:
20. Januar 2012

Die Komposition Amir Teymuris entstand in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik Freiburg, Institut für Neue Musik/ Studiengang Filmmusik, Leitung Prof. Cornelius Schwehr

zum Stück

Liegt es an der Krise, dass Milliardäre in Amerika herumlaufen wie Bettler? Ist es möglich, dass man übergroße Neugierde mit dem Leben bezahlen muss? Weshalb kriegen manche Frauen jeden Mann, obwohl sie so schön nun auch wieder nicht sind? Ist es besser über manche Menschen erst gar nicht zu sprechen, weil sie so unbedeutend sind? Warum können kluge Menschen dennoch keinen kühlen Kopf bewahren? Was tut in diesem Augenblick der Mann, der einfach so im Wald verschwand? Wie ist die Weigerung des Wundertäters zu verstehen, keine Wunder vollbringen zu wollen? Warum steht der unangemeldete Besuch immer dann vor der Tür, wenn man ihn gar nicht brauchen kann? Und wie bitte, wird man den Hammer los, der einen schon seit Tagen in der Kehle stört?

Daniil Charms,

so eines der etwa 30 Pseudonyme Daniil Ivanovic Juvacevs, wurde 1905 in Petersburg geboren. Ihn, den Meister des Absurden, interessierte nur der „Quatsch“, „das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung“. Seine Alltagsbeschreibungen wirken komisch und sind durchaus als Vorläufer von Mr. Bean oder Loriot zu verstehen. „Doch nicht seine Erzählungen sind absurd und alogisch“, schreibt sein Freund Jakov Druskin, „sondern das Leben, das er in ihnen beschreibt“. „Wir lachen“, so sein Übersetzer Peter Urban, „doch das Lachen bleibt einem im Halse stecken, führt man sich vor, unter welchen Umständen Daniil Charms gelebt hat: Bürgerkrieg, Hunger, Terror, Brutalisierung des Alltags, Schrecken des politischen Lebens und nicht zuletzt das Hausen in Zwangsgemeinschaften, den sogenannten Kommunalkas“. All diese Erfahrungen stecken in seinen Texten, und dennoch oder gerade deswegen bereiten sie uns großes Vergnügen. Es ist der kindliche Blick Daniil Charms` auf uns scheinbar Vertrautes, der dies möglich macht. In seinen Texten wird deutlich, dass die Realität, wie wir sie begreifen, nur eine Konstruktion ist, die durch geringste Verschiebungen oder Störungen einen neuen Sinn erfährt bzw. den ursprünglichen ad absurdum führt. Die Grenze zwischen Einbildung und Realität ist fließend, selbst der Gegenstände ist man sich nie sicher, auch diese führen ein Eigenleben. Daniil Charms starb, kurz nach Beginn der deutschen Blockade Leningrads, unter ungeklärten Umständen im Gefängnis Kresty, es heißt, er sei verhungert. Auf der Suche, dem Eigenleben der Dinge, Gegenstände, Situationen und der dazwischengeratene Menschen in Charms` Texten ein Übersetzung zu geben, haben wir das vierköpfige Schauspielensemble um die Tänzerin Dagny Borsdorf erweitert. Nun treffen fünf Darsteller, Text, Tanz (Choreographie: Gary Joplin) und Musik (Komposition: Amir Teymuri) in Bernhard Otts Bühnenbild in über 60 Rollen aufeinander.